Täterinnen und Täter – ganz normale Menschen?

Die Forschungslage

Die Auseinandersetzung mit NS-Tätern hat seit 1945 in der Geschichtswissenschaft viele Fragen aufgeworfen. Die Frage, wie Millionen Deutsche in kurzer Zeit zu Tätern und Helfern des verbrecherischen NS-Systems werden konnten, ist nicht einfach zu beantworten.

In der Täterforschung ist man sich zum Großteil einig, dass die meisten Täterinnen und Täter Männer und Frauen mit zunächst unauffälligen Lebensläufen waren. Durch die nationalsozialistische Weltanschauung radikalisiert sie sich, was zu einer allmählichen Verschiebung ihres Referenzrahmens führte, in dem sie sich bewegten. Sie lernten, mörderische Gewalttaten als notwendige Alltagsnormalität anzuerkennen.

Marko Behar: Polizeiwachposten, 1942, Tusche auf Papier, Bildnachweis: Kunst aus dem Holocaust. 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem, Bonn 2015.

Die Täterinnen und Täter im KL Lublin

In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Personal- und Prozessakten der Täter des KL Lublin bestätigten sich die Erkenntnisse des Historikers Browning, des Soziologen Welzer und anderer Forscher: Briefe an Ehefrauen und Kinder zeigen die Täter als liebende Väter. So schreibt Alois Spitz, Stabsführer im KL Lublin, in der Hochphase der Aktion Reinhardt an seine Ehefrau: „Ich bin stets unter Eurer Mitte mit meinem Gedanken. Wir haben hier [gemeint ist Lublin] doch wirklich schöne Zeit verbracht, an die man gern zurückdenken kann. Ob, und wann, es wir wieder so schön haben, wie hier in Lublin ist fraglich.“ (Alois Spitz am 15. April 1944)

Zeitgleich wirkten diese Männer jedoch am systematischen Massenmord mit und schickten Polinnen und Polen aus dem Lager als Zwangsarbeiter wie Ware nach Deutschland:

„Am 23.05.44 habe ich für meine Eltern zwei Polinnen nach Hause geschickt, da ich zur Zeit leider keine männlichen Polen zur Verfügung hatte. Meine Eltern müssen nun einstweilen auch mit denen Polinen (sic!) zufrieden sein. Auch Wirtsmarie hat mir wieder geschrieben, daß ihr Pole durchgebranndt ist und ich soll ihr einen weiteren besorgen.“ (Alois Spitz am 26.05.44)

Bemerkenswert im Hinblick auf das Wertesystem des Nationalsozialismus ist es, dass kleinere Vergehen einzelner SS-Männer, wie zum Beispiel Unpünktlichkeit bei der Arbeit oder Diebstahl, sorgfältig dokumentiert und bestraft wurden, wohingegen die tägliche Mitwirkung am Massenmord keine Straftat, sondern Dienstalltag darstellte, das heißt, das „alte“ Wertesystem blieb teilweise in Kraft, führte aber im ideologischen Kontext des Rassenantisemitismus zu einer Umwertung bisheriger Werte.

In der Auseinandersetzung mit Tätern wie Alois Spitz und Karl Neumann, deren Akten auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen und die möglicherweise genau darum keine Erwähnung in den größeren Monographien gefunden haben, kann man erkennen, dass das System der Massenvernichtung auf der zuverlässigen Arbeit vieler Beteiligter beruhte, die bis zum Schluss an der Vernichtungspolitik festhielte

Brief des Alois Spitz vom 19.04.1944 an seine Familie, Archiv Majdanek.

Was hat Täterforschung mit unserer Gegenwart zu tun?

Im Hinblick auf die Ausgangsfrage kann man feststellen, dass auch viele Täterinnen und Täter des KL Lublin vor der nationalsozialistischen Machtübernahme im Jahr 1933 normale Bürger mit normalen Elternhäusern und Berufen waren. Die Mitgliedschaft in der NSDAP und – verstärkt – der Einsatz in den deutschen Vernichtungslagern in Osteuropa – führte im Kontext des Zweiten Weltkriegs zu einer Radikalisierung ihres Denkens und Handelns, die im millionenfachen Massenmord mündete.

Diese Erkenntnis über die Radikalisierung normaler Menschen ist für das Verständnis der Gegenwart von hoher Bedeutung, weil Menschen nach wie vor durch exkludierende Ideologien ihre Referenzrahmen verschieben. Diese Verschiebung des Referenzrahmens ist auch in der Gegenwart meistens verbunden mit einer angeblichen Notwendigkeit der Gewalttat, die wiederum langfristig zu einer vermeintlichen Verbesserung der eigenen Lebensumstände führen soll.