Roma und Sinti – vergessene Opfergruppe?

Die Idee der deutschen Volksgemeinschaft

Kennzeichen für Schutzhäftlinge Schautafel: „Kennzeichen für Schutzhäftlinge in den Konzentrationslagern“; Lehrmaterial für SS-WachmannschaftenKennzeichen für Schutzhäftlinge, Bildnachweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Kennzeichnung_der_Häftlinge_in_den_Konzentrationslagern#/media/Datei:Kennzeichen_für_Schutzhäftlinge_in_den_Konzentrationslagern.jpg

Jeder Mensch, der der Idee der deutschen Volksgemeinschaft, einer ideologisch konstruierten Gemeinschaft aus ,,erbbiologisch wertvollen“ und ,,rassereinen“ Deutschen nicht entsprach, konnte Opfer der brutalen Methoden des NS-Regimes werden. Die Menschen, die der Rassenlehre des NS nicht entsprachen, wurden bereits ab 1933 auf gesetzlichem Wege von ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Partizipation ausgegrenzt und nach Kriegsbeginn in Lager deportiert. Bei der Registrierung im Lager dienten Nummern und farbige Winkel zur Kennzeichnung der Häftlinge. Sie dienten dazu, die Identität der Häftlinge auszulöschen und sie zu einer Nummer unter vielen zu machen. Die Kennzeichnung durch Winkel beruhte auf der ,,völkisch-rassistischen Zuordnung“ und grenzte die Opfer als ,,Gemeinschaftsfremde“ von der Volksgemeinschaft ab. Die Winkel entschieden im Lager über den Grad der lebensbedrohlichen Behandlung und waren auch ausschlaggebend für die Verteilung von Überlebenschancen in der Lagerhierarchie. In dieser Rangordnung waren jüdische Menschen unten angesiedelt, in unmittelbarer Nähe derjenigen, die die Nationalsozialisten als „Zigeuner“ betitelten. Sie litten – ebenso wie die jüdischen Mitgefangen – besonders unter der Brutalität der SS-Wachmannschaften.

Das Anderssein

Insgesamt wurden von den Nationalsozialisten im Kontext des Zweiten Weltkriegs mindestens 300.000 bis 500.000 Sinti und Roma ermordet. Den Deportationen nach Osteuropa gingen Untersuchungen der rassenhygienischen Forschungsstelle vor. Vor allem die sogenannten „Rasseforscher“ Eva Justin und Robert Ritter erstellten im Reichsgesundheitsministerium in Berlin durch Vermessungen an Sinti und Roma ,,medizinische Gutachten“ und lieferten damit eine angebliche Begründung für die Deportation. Aufgrund des biologistisch begründeten ,,Andersseins“ wurden Roma und Sinti für die Nationalsozialisten Objekt oft tödlicher medizinischer Experimente. Am bekanntesten sind dabei die Taten Josef Mengeles, der ab Juni 1943 als Lagerarzt in Birkenau im Abschnitt B II e, dem so genannten „Zigeunerlager“, vor allem an eineiigen Zwillingspaaren bestialische Versuche durchführte, um den Nachweis zu erbringen, dass spezifische „Rassenmerkmale“ vererbt werden konnten.

Luftbild: Das „Zigeunerlager“ (gelb hervorgehoben) im KZ Auschwitz-Birkenau, Fotografie der RAF 1944, Von 60. Sqad. SAAF, Sortie No. 60/PR288 – british government, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11917756 uni00B3un

Eines von Mengeles Opfern war der Sinto Hugo Höllenreiner, der als Neunjähriger mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Er überlebte ein Experiment Mengeles ohne Narkose, erlitt jedoch starke Schmerzen. Hugo Höllenreiner berichtet auch von einem Jungen, der nach einem Besuch bei Mengele seiner Geschlechtsorgane beraubt wurde. Die medizinischen Experimente an Roma und Sinti in Auschwitz-Birkenau führten neben der fabrikmäßigen Ermordung derjenigen Roma und Sinti, die sofort an der Rampe selektiert wurden, zu einer Verringerung ihrer Überlebenschancen.

Eine vergessene Opfergruppe?

Die antiziganistische Haltung vieler Deutscher, die eine Vorgeschichte vor dem Nationalsozialismus hat, änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten nicht. Versuche einer Rücksiedlung der knapp 5.000 überlebenden Sinti und Roma nach Deutschland scheiterten nach 1945, denn oft saßen in den Behörden, die über diese Rücksiedlung zu entscheiden hatten, als „Experten“ diejenigen Menschen, die im Nationalsozialismus für die Deportation der Sinti und Roma verantwortlich gewesen waren. So saßen ehemalige „Kriminal- und Zigeunerpolizisten“ nach dem Krieg in Stellen der Landfahrpolizei und konnten dort das Leben der in Campingwagen lebenden Roma und Sinti erschweren. Unterkünfte wurden ihnen nur in Form von Baracken zur Verfügung gestellt, auf Campingplätzen war ihnen oftmals der Zutritt verwehrt. Auch wenn diese Verbote gegen die UN-Menschenrechts-Charta verstießen, wurden sie von Behörden mit antiziganistischen Mitarbeitern zugelassen und durchgeführt.

Samuel Mágó (*1996 Budapest), ungarischer Rom, mit Roma- und jüdischer Abstammung, lebt in Wien. Publiziert in: Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti, Berlin 2018. l

Dass der Begriff „Porajmos“, der den Völkermord an über 300.000 Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg bezeichnet, so selten fällt und kaum jemandem bekannt ist, ist vor allem aufgrund der jahrelangen Verdrängung dieses Völkermordes so. 1950 wurden die ersten Entschädigungen an die überlebenden Opfer des Zweiten Weltkrieges, die aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen deportiert wurden, ausgezahlt, jedoch nicht an Sinti und Roma. Man begründete dies damit, dass diese Opfergruppe nicht aufgrund ihres Hintergrundes als ,,Zigeuner“ deportiert wurde, sondern aufgrund ihrer ,,kriminellen und asozialen Eigenschaften“, mit Verweis auf die Kategorisierung der Nationalsozialisten. Erst 1982 wurde der Porajmos aufgrund zunehmender Proteste der Zivilbevölkerung offiziell von der Bundesregierung als Völkermord anerkannt. Offizielle Zahlungen an alle Sinti und Roma blieben bislang jedoch allen Generationen ebenso verwehrt wie eine flächendeckende öffentlichkeitswirksame Form des Gedenkens. Während die Ermordung der Roma und Sinti im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau in den letzten Jahren von der Historiographie aufgearbeitet wurde, besteht für das KL Lublin noch ein Forschungsdesiderat.