Das kulturelle Leben im Lager

Musik, Kunst und Literatur stellten für viele Häftlinge eine Möglichkeit dar, dem physischen und psychischen Terror auf Zeit zu entkommen. Kultur war eine Möglichkeit, das Menschsein zu verteidigen und mental weiterzuleben.

Die künstlerischen Werke verbreiteten sich während geheimer Konzerte, die oft von professionellen inhaftierten Künstlern organisiert wurden.

Gesang und Musikgruppen

Ab 1943 erlaubten die Kommandeure des Konzentrationslagers Majdanek mit Einschränkungen kulturelle Aktivitäten. Gesangs- und Musikgruppen bildeten sich und bildhauerische Arbeiten waren als Auftragsarbeiten erlaubt.

Es gab ein Orchester in Majdanek, doch die Kommandeure erlaubten nur den russischen Gefangenen die Teilnahme. In diesem Orchester wurden nach Zeitzeugenberichten mit Gitarren und Mandolinen oft „Kalinka“ und andere russische Volkslieder gespielt.

In der Männerkaserne bildeten einige jüdische Jugendliche einen Schlagersängerchor. Sie gingen von Baracke zu Baracke und sangen für die Gefangenen. Die anderen gaben ihnen Brot und andere Kleinigkeiten und nannten sie – so der Quellenbegriff – die „Krematorium-Boys“.

Die künstlerischen Aktivitäten im Lager wurden von der SS teilweise deshalb geduldet, weil sie Propagandazwecken dienten – Lagerkunst sollte Außenstehenden zeigen, dass die Lebenssituation im Lager nicht unerträglich war.

Drei-Adler-Skulptur und Schildkröten-Skulptur

Die SS-Kommandanten des Lagers in Majdanek bestellten bei den inhaftierten Künstlern Auftragsarbeiten. Darunter waren Skulpturen, zum Beispiel die sogenannte „Schildkröte“ und die „Drei-Adler-Säule“.

Die Ausgestaltung der Skulpturen lag in der Hand der Gefangenen, die ihrer Kunst symbolische Bedeutung zuschrieben. So war die Adlersäule nach der Aussage von Überlebenden ein Symbol der Freiheit, gleichzeitig aber auch Grab und Denkmal für die Ermordeten, weil eine Urne mit Asche von verbrannten Gefangenen heimlich eingemauert wurde.

Die Säule der drei Adler haben Häftlinge im Jahr 1943 errichtet. In den Sockel mauerten sie eine kleine Kiste aus Metall ein, die mit der Asche von ermordeten Mithäftlingen gefüllt ist. Die Säule schmücken drei zum Flug ansetzenden Adler, die der Bildhauer Albin Maria Boniecki schuf. Hyperli

Die Schildkröten-Skulptur war in verschiedener Hinsicht durch die Häftlinge symbolisch aufgeladen. Manche Häftlinge verbanden mit ihr den Imperativ „Arbeite langsam, damit du überlebst!“

Neben der Schildkröten-Skulptur schufen die Häftlinge auch eine Skulptur eines Salamanders aus Beton. Der ehemalige Häftling Andrzej Stanislawski erinnert sich daran, dass ein Teil der Gefangenen mit dem Salamander Folgendes assoziierte: „Sei wie ein Salamander, der auch im Feuer leben kann. Du musst das KZ überleben.“

Andere Gefangene bezogen diese Skulptur laut Stanislawski auf den „Eidechsenbund“, eine polnische Untergrundorganisation gegen die deutsche Besatzung.

Bücher und Presse

Von Bedeutung für die Häftlinge waren Bücher und aktuelle Presseprodukte.  Die Einwohner Lublins schmuggelten Bücher und Zeitungen in das Lager, die innerhalb der Baracken weitergereicht wurden. Auch die Handlung literarischer Werke wurde teilweise nach dem „Abendappell“ in den Baracken weitererzählt. Literatur konnte so dabei helfen, für einen kleinen Moment den schrecklichen Alltag des Lagers zu verdrängen.

„Der Film für Krysia“ ist ein gereimtes, auf harmonika-artig gefaltetem Papier aufgeschriebenes Gedicht, das mit Zeichnungen in Form von Filmstreifenaufnahmen verziert wurde. Es wurde im Juni 1944 von Andrzej Janiszek hergestellt, der aufgrund seines Widerstandes gegen die deutschen Besatzer in Majdanek inhaftiert war k;\lsd

Radio Majdanek

Im Februar 1943 gründeten einige polnische Frauen im Lager das „Radio Majdanek“. Der improvisierte Radiosender ohne Antennen, Mikrofone und Lautsprecher sollte morgens und abends Trost und Mut spenden, Hoffnung geben und das Überleben etwas erträglicher machen. Morgens wurden Namenstage verlesen, also die liturgischen Gedenktage von Heiligen, um ein Zeichen gegen die würdelose Anonymität zu setzen.

Die beiden Gründerin Danuta Brzosko-Mędryk und Matylda Woliniewska waren auch die ersten Sprecherinnen. Die morgendliche Sendung begann gewöhnlich mit den Worten: „Ihr sollt euch erinnern, dass es morgen besser wird!“ und endete abends mit dem Satz: „Ihr sollt euch erinnern, dass mit jedem Tag, den wir überleben, wir näher an die Freiheit kommen.“

„Radio Majdanek“ sendete morgens und abends Nachrichten. Es gab Informations- und Unterhaltungssendungen, ein sogenanntes „Theater der Fantasie“, Konzerte, Bildungs- und Selbsthilfeprogramme, manchmal einen „Tee am Mikrofon“ oder ein „Konzert der Wünsche“. Die Art, wie Nachrichtensprecher im Radio sprachen, wurde von den Moderatorinnen satirisch nachgeahmt.

Da dieser subversive Radiosender trotz des eingeschränkten Informationsgehalts der Botschaften für die SS offenkundig eine Bedrohung darstellte, wurden die Gründerinnen vier Monate später, im Mai 1943, aus Majdanek in andere Lager verlegt.