Jadwiga Ankiewicz – Tagebuch

Jedoch blieb ein Teil meines Herzens dort, in Majdanek!“

Jadwiga Ankiewicz mit ihrer Schwester im Warschauer Zoo, private Aufnahme, Archiv Majdanek.

Die Polin Jadwiga Ankiewicz war 1943 sechzehn Jahre alt. Sie lebte mit ihrer Familie in Warschau – zu jener Zeit unter deutscher Besatzung. Im Januar 1943 wurde Jadwiga während einer Razzia wahllos festgenommen und in das Warschauer Pawiak-Gefängnis gebracht, das während der deutschen Besatzung Symbol für Folter und Unterdrückung war.

Am Tag nach ihrer Verhaftung wurde Jadwiga von der SS in das Konzentrationslager Majdanek gebracht, ohne das Ziel ihrer Reise oder ihr weiteres Schicksal zu kennen. Auch ihre Familie wurde nicht über ihren Verbleib informiert.

Jadwiga wurde vier Monate im KL Majdanek gefangen gehalten und schrieb während dieser Zeit fast täglich ein Tagebuch. Sie schaffte es, dieses bei ihrer Freilassung an den Wärtern vorbei hinauszuschmuggeln. In ihrem Tagebuch schreibt sie darüber, wie sie sich mit dem Alltag im Vernichtungslager arrangiert, was ihr Hoffnung gibt und woran sie verzweifelt. Durch das Festhalten ihrer Gefühle und Gedanken ist ihr Tagebuch eine wichtige autobiographische Quelle.

Der Lageraufenthalt im Spiegel des Tagebuchs

Für Jadwiga war das Leben im Konzentrationslager, wie für alle Gefangenen, sehr hart. Der durch Zwangsarbeit geprägte Alltag, der Mangel an Nahrung und Hygiene und die Sorge um die Familie zu Hause machten die Gefangenschaft zu einem Kampf ums Überleben. Doch trotz dieser Umstände verlor Jadwiga nur selten ihre Hoffnung und ihr positives Denken: „Leider werden wir sagen müssen, dass auch das Lager zu etwas gut war, nämlich dazu, dass wir gelernt haben, die Sachen, die wir haben, zu schätzen.“

Durch den Alltag kam Jadwiga, weil sie sich Freundinnen suchte, mit denen sie ihr Schicksal, aber auch ihre Gedanken über die Freiheit teilen konnte: „Maria! Denk mal darüber nach, wie es wäre, wenn sie uns freiließen, schon morgen wären wir zu Hause.“. Durch die Freundschaften geriet die Gefangenschaft für wenige Momente in den Hintergrund, die Freundinnen „lachen [..] einfach über alles Mögliche.“.

Weil es dem Weiterleben diente, stellte sie sich mit den meisten Aufseherinnen gut, indem sie ihre Aufgaben gut und schnell erledigte oder zusätzliche Aufgaben. Einige wenige Aufseherinnen sprachen mit den Gefangenen über ihr früheres Leben und gaben ihnen Mut und Hoffnung. Doch vor allem bewahrte Jadwiga ihr seelisches Gleichgewicht dadurch, dass sie schlechte Gedanken kaum zuließ, auch wenn sie an manchen Tagen von Leere und Traurigkeit erfüllt war: „Kann ich jetzt über mein Zuhause nachdenken? Denkt ihr an mich? Wisst ihr wo ich bin? Aber lieber nicht darüber nachdenken, sonst werde ich anfangen zu heulen.“

Doch so positiv Jadwiga auch dachte und versuchte, ihre pessimistischen Gedanken zu verdrängen, konnte sie vor allem bei den zeitweise stattfindenden Entlassungen, bei denen willkürlich Gefangene freigelassen wurde, nicht ihre Enttäuschung zu verbergen, denn vor jeder Entlassung steigerte sich ihre Hoffnung, freigelassen zu werden, und desto größer war die Enttäuschung, wenn ihr Name nicht genannt wurde: „Womit verdiene ich so eine schreckliche Strafe?“

Am 17. Mai 1943 war die Gefangenschaft ebenso überraschend zu Ende wie sie begonnen hatte. Jadwiga und viele weitere Frauen aus Warschau wurden freigelassen. Um 19.05 Uhr nahm sie den Zug, der sie nach Hause brachte. „Jedoch blieb ein Teil meines Herzens dort, in Majdanek.“

Jadwiga Ankiewicz vor ihrer Gefangenschaft in Majdanek, private Aufnahme, Archiv Majdanek.

Aus einer Quelle ist zu erfahren, dass sich Jadwiga, zurück in Warschau, dem polnischen Widerstand angeschlossen hat und dort sehr aktiv war. Sie wurde neun Monate nach ihrer Entlassung am 30. Januar 1944 in Warschau auf offener Straße erschossen. Weder der Täter noch seine Motive sind bekannt.

Jadwigas Tagebuch als historische Quelle

Jadwigas Tagebuch gibt uns eindrückliche Einblicke in den Alltag der Häftlinge, welcher von Gewalt und Grausamkeit geprägt war. Aus der Perspektive einer jungen Polin erfährt man von der Hierarchie des Lagers – gespiegelt wird uns auch das Unverständnis über ein Wertesystem, in dem Menschen sich nicht zu Schulden kommen lassen mussten, um Gefangene zu werden. Jadwigas Wahrnehmung und Wertesystem ist in friedlichen Zeiten geschult und bleibt es auch – durch die Zeit der Gefangenschaft hindurch.

Als autobiographische Quelle zeigt uns dieses Tagebuch, dass das Schreiben eine Form der Bewältigung des Unfassbaren darstellte, die Reflexion der Erlebnisse und Gefühle ein Hilfsmittel für das psychische Überleben war.