„… ein gleicher Mensch wie ich.“

Historische Spurensuche in der Gedenkstätte Lublin-Majdanek

„… ein gleicher Mensch wie ich.“ Diese Worte, die eine polnische Überlebende des KL Lublin mit Blick auf die Ermordung ihrer jüdischen Mitgefangenen äußerte, bilden das Motto der diesjährigen Ausstellung des Leistungskurses Geschichte der Q1 des Öffentlich-Stiftischen Gymnasiums Bethel in der Synagoge Bielefeld. Dabei ist unser Blick auf zwei Aspekte gerichtet:

Die Auseinandersetzung mit individuellen Perspektiven der Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes bildet nicht nur die Basis für historisches Lernen, sondern ermöglicht kognitive Empathie, die uns Nachgeborene – wenn auch nur ansatzweise – erkennen lässt, wie ein anderer Mensch fühlt. Der ausgegrenzte, gedemütigte, physisch und psychisch gefolterte, im Lager de-individualisierte Mensch ist „ein gleicher Mensch wie ich“.

Empathie mit den Opfern ist das eine. Das andere ist die Erkenntnis, die sich aus dem Studium biographischer Quellen von Täterinnen und Tätern der Shoa speist: Auch sie waren „ein gleicher Mensch wie ich“: Menschen mit und ohne humanistische Bildung, mit ökonomischen Interessen, auf der Suche nach beruflicher Bestätigung, mit Karriere-Ambitionen, einem Privatleben, Freunden und Kindern, ja, einem normativen Wertesystem, das vorwiegend in einer Zeit des Friedens aufgebaut worden ist. Die Auseinandersetzung mit Täterbiographien beunruhigt, weil sie uns die Zuversicht nimmt, als Nachgeborene davor sicher zu sein, „Un“menschen zu werden.

Die Untersuchung der verschiedenen sozialen und situativen Handlungskontexte und Handlungsoptionen, in denen Zugehörige der Tätergemeinschaft und Ausgegrenzte lebten, ist essentiell für unsere Gegenwart. Sie hat uns gezeigt, wie schnell sich eine als modern verstandene Gesellschaft des „christlich-abendländischen“ Kulturkreises in eine Ausgrenzungsgemeinschaft verwandeln kann.

Auf unserer Arbeit in den Gedenkstätten Auschwitz, Birkenau und Lublin-Majdanek sowie Gesprächen mit Zeitzeugen und Museumspädagogen basieren die Gedanken und Arbeitsergebnisse dieser Ausstellung, die sowohl hier in der Synagoge als auch – in Langform – im Internet nachlesbar sind.

Abschiedsfoto: Es fehlen Mira Foron und Richard Tenge-Rietberg

Die Teilnehmer*innen: Tim Dieckröger, Mira Foron, Noah Hermann, Zoe Hübener, Julien Lange, Sofie Lobemeier, Emma Mamerow, Franca Postel, Luzie Pätzold, Richard Tenge-Rietberg, Jule Theermann, Daniel Thielmann.

Betreuer*innen: Patricia Drewes, Thomas Hackmann, Mateusz Matuszyk sowie Wieslaw Wysok (Gedenkstätte Majdanek) �