Der Vernichtung widerstehen

Einleitung:

Kleinere und größere Handlungen, die sich gegen die totale psychische und physische Zerstörung der Menschen in den Lagern richteten, können als widerständiges Verhalten betrachtet werden. In den meisten Konzentrationslagern, darunter Majdanek, gab es Bemühungen eine Widerstands- und Untergrundbewegung aufzubauen, um zum Beispiel Fluchtversuche zu organisieren. Der Widerstand flößte den Menschen oft neue Hoffnung ein und weckte Freundschaften, Liebe, Opferbereitschaft und internationaler Solidarität. Die zwei größten Faktoren, die den Widerstand erschwerten, waren vor allem der fehlende Kontakt zur Außenwelt sowie die starke Unterernährung und daraus folgende Schwäche aller Beteiligten.

Innerhalb des Konzentrationslagers Lublin gab es ein breites Netz an Informanten, welche in Kontakt mit weiteren Informanten außerhalb des Lagers, zum Beispiel mit Mitgliedern der polnischen Heimatarmee, standen.

Schema + Erklärung – Organisation des Widerstands im KL Lublin

Nicht viele wissen, dass auch die polnische Öffentlichkeit bereits zur Zeit des Bestehens der Konzentrationslager Informationen hatte, was in diesen vor sich ging. Dabei war es der ausländischen Bevölkerung sogar möglich dies in der Presse nach zu lesen. Doch wie kam die ausländische Presse an diese, von den Nationalsozialisten streng geheim gehaltenen, Informationen? Dafür war ein breites Netz an Informanten innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager nötig.

Das folgende Schema zeigt eine dieser Vernetzungen und Informationsketten im KL Lublin auf:

Dieses Widerstandnetzwerk wurde von der polnischen Heimatarmee aufgebaut und verwaltet. Bei den Kommandanten und dem Oberst handelte es sich um Kriegsgefangene. Diese gaben die Informationen an die Organisation „Opus“ weiter, welche die polnische Exilregierung in Polen vertrat. Dort war extra zu diesem Zweck die Abteilung „Sahara“ gegründet worden. Diese half dabei die Informationen aus dem Lager zu schmuggeln und versuchte lebenswichtige Dinge wie Medikamente und Essen in das Lager zu bringen. Die Informationen der Abteilung Sahara wurden an die polnische Exilregierung, welche sich in London aufhielt, weitergeleitet und von dieser an die polnische Zeitung weitergereicht, welche sie Veröffentlichte. 

Dies war aber nicht die einzige Untergrundarbeit, die im Konzentrationslager betrieben wurde. Neben der Arbeit der Heimatarmee gab es auch kleinere Gruppierungen. Dazu zählten Gruppierungen andere Parteien, Kriegsgefangene, Juden und Polen. Dabei spielten Konflikte außerhalb der Lager keine Rolle. 

Die Ziele der einzelnen Untergrundbewegungen waren meist ähnlich der Ziele der Organisation Opus. Diese formulierte ihre Ziele wie folgend: Verfolgen des Lagerlebens, Feststellen der Anwesenheit bestimmter Personen in Majdanek, informieren des Bezirkskommandos über Bedürfnisse der Häftlinge (zum Beispiel Lebensmittel, Geld oder Briefe) und Gruppierung Wertvoller Elemente. 

Fluchten und Fluchtversuche

Eine der größten Widerstandsunternehmungen waren die Organisation und Durchführung von Fluchten beziehungsweise oft leider nur Fluchtversuchen. Für diese brauchte man oft Kontakt und Hilfe zur zivilen Bevölkerung und eine Grundvoraussetzung war, dass die Kraft und der körperliche Zustand ausreichten, um die eigene sowie die Flucht der Mitgefangenen nicht zu behindern. Bei Fluchten hatte man außerdem oft nur eine Chance, wenn man selbst Pole war, da die polnische Zivilbevölkerung kaum anderen Nationalitäten, wie zum Beispiel Russen half, Juden hatte generell nur eine sehr geringe Hoffnung auf Hilfe. Nur selten halfen ihnen polnische Bauern, oft wurden sie, falls ihnen die Flucht gelang von Partisanen überfallen und erschossen. Es gab eigentlich nur bestimmte Situationen während deren man einen Fluchtversuch hätte ausüben, so zum Beispiel während der Arbeit, welche selten sogar außerhalb des Lagers lokalisiert war, oder während eines Transports.

In Majdanek kam es im März 1942 zur ersten Flucht. 200 sowjetische Kriegsgefangene planten über Nacht auszubrechen. Die zuständigen SS-Wachmänner hatten sich von der Ostseite des Felds II, in welchem die Sowjets untergebracht waren, entfernt. Um sich gegen den Stacheldraht zu schützen – der Starkstrom war zu diesem Zeitpunkt nicht aktiviert – benutzten sie ihre Decken. Die beiden Organisatoren lenkten die Wachmänner für den weiteren Verlauf der Flucht ab und wurden dabei erschossen. Allerdings gelang es durch die beiden Organisatoren insgesamt 98 der 200 Männer in den nahegelegenen Wald fliehen zu lassen. Die Flüchtigen wurden auch im Nachhinein nicht mehr gefasst.

Im April desselben Jahres versuchten 28 Russen zu entkommen. Vor der Flucht stahlen sie Bekleidung, Geld und Goldschmuck, aus der Bekleidungskammer, welche sie in einem kleinen Wald in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, versteckten. Während einer Schicht überfielen sie die Wärter. Sechs Russen und vier Wachmänner starben. Die restlichen 22 Russen konnten jedoch erfolgreich entkommen.

Fluchtversuche wurden mit dem Tod bestraft. Außerdem gab es sogenannte Repressalien-Maßnahmen, welche der Abschreckung dienen sollten und bei welchen die Häftlinge brutal misshandelt wurden. Insgesamt gelangten 132 sowjetische Kriegsgefangene bei fünf Fluchtversuchen in Majdanek in die Freiheit. Inhaftierte Sowjets waren bekannt für ihre vielen Fluchtversuche, inhaftierte Polen versuchten jedoch seltener zu flüchten, da sie Konsequenzen für ihre gesamte Familie fürchten mussten.

Weitere Fluchtversuche wurden bei Einsätzen in Außenkommandos getätigt. So erwürgten zum Beispiel im Dezember 1943 zwei Ukrainer ihre Wachtposten. Einer von ihnen zog darauf hin eine der Uniformen an und konnte so seinen Begleiter ungehindert und bewaffnet vom Lager weg eskortieren.

Andere Fluchtmöglichkeiten ergaben sich außerdem oft während der Transporte. Hier waren die Fluchtbedingungen jedoch sehr kompliziert, da die Häftlinge oft gefesselt, stark bewacht und die Fenster der Transportwaggons bewacht waren. Dennoch versuchten es um die 300 Häftlinge während eines Transports von Pawiak, Warschau nach Majdanek. 100 von ihnen gelang die Flucht.

Auch Untergrundorganisationen von außerhalb des Lagers halfen bei Fluchten. So entkamen im März 1943 neun Häftlinge mithilfe des „Orzel-Bundes“ durch einen Abflusskanal. Dessen Einstieg war in der Gärtnerei. Mit Sägen brachen die Häftlinge mehrere Gitter in dem Schacht auf. Auf Grund der vielen Glasscherben, Steine und Fäkalien war der Weg sehr beschwerlich. Aber sie entkamen und wurden in zwei polnischen Dörfern aufgenommen und gesund gepflegt.

Insgesamt war eine Flucht in den Anfangsjahren des Lagers leichter als später, da es zu Beginn an Stacheldrahtzäunen und SS-Männer mangelte. Insgesamt konnten während der ganzen Bestandszeit des Lagers rund 500 Häftlinge fliehen.

Sabotage und geheime Nachrichten

Aufgrund des Arbeitszwanges waren die Häftlinge bemüht so wenig wie möglich zu arbeiten, sofern die Arbeit einem selbst oder den Kameraden nicht zu Gute kam. Zu den Arbeiten, die zur Verbesserung der Lebensumstände der Häftlinge führten, zählten Reparaturarbeiten, der Bau von Gebäuden und Aufgaben in der Krankenbaracke oder der Häftlingsküche. Ansonsten versuchte man die Arbeit beziehungsweise den Arbeitsprozess zu sabotieren, um dem Nationalsozialistischen Regime keinen Nutzen zu erbringen.

Zunächst war noch die Flucht beziehungsweise ein Fluchtversuch das schwerste Verbrechen. Doch im Januar 1943 räumte Hitler dem Häftlingseinsatz in der Rüstungsindustrie oberste Priorität ein, was präventive Terrormaßnahmen wie zum Beispiel die Erschießung jedes zehnten Häftlings zur Folge hatte, sobald wegen Fertigungsmängel der Verdacht auf Sabotage aufkam. 

Trotzdem gab es eine Zunahme von Sabotageaktionen im selben Jahr. Diese bestanden aus der Zerstörung von Rohstoffen, Anlagen und Arbeitsgegenständen, sowie die Verringerung des Arbeitstempos. 

Über die Umstände im Lager zu berichten war illegal und sehr umständlich. Trotzdem versuchten viele Häftlinge die Außenwelt über das zu informieren, was ihnen tag täglich widerfuhr. So versuchten sie beispielsweise geheime Treffen mit Verwandten am Zaun zu organisieren, baten um Essen und Verpflegung, informierten über Abläufe im Lager oder Verabschiedeten sich ein letztes Mal von ihrer Familie. 

Da die Lagerwache jeden Brief einzeln überprüfte, gab es nur zwei Möglichkeiten diesen aus dem Lager zu bringen. Die Erste Möglichkeit bestand darin mit einer Art Geheimsprache zu schreiben. Dazu wurden bestimmten Formulierungen bestimmte Bedeutungen zugewiesen. Die Kontrolleure hatte das Gefühl einen Brief zu genehmigen, welcher ganz und gar positiv vom Lager berichtete. In Wirklichkeit handelte es sich aber zum Beispiel um ein genaues Protokoll der letzten Woche und wurde an die polnische Exilregierung weitergeleitet.  

Die zweite Möglichkeit bestand im Herausschmuggeln der Briefe. Diese Möglichkeit wurde oft für eine letzte Verabschiedung von den Familien genutzt, da diese keine Entschlüsselung von geheimen Formulierungen brauchte und offen geschrieben werden konnte. Die Nachrichten wurden dabei meist an eine Untergrundorganisation übergeben, welche Kontakte nach außen hatte. Allerdings war es sehr teuer einen Brief auf diese Art aus dem Konzentrationslager zu bekommen, da für die Schmuggelnden ein hohes Risiko bestand und sie, falls sie erwischt würden, mit einer sofortigen Erschießung oder Erhängung rechnen mussten. 

Noch heute sind viele der Briefe erhalten und geben Aufschluss über die Gefühle der Gefangenen und die Umstände in den Lagern. Sie können dabei helfen die Personen nicht zu vergessen und führen uns die Individualität eines jeden Häftlings vor Augen. 

Urteil

Insgesamt kann man sehen, dass das Mitwirken in Untergrund- und Widerstandsorganisationen nicht nur einem selbst einen positiven Effekt und Verbesserung der Lebensumstände oder sogar die Freiheit erbrachte, sondern auch, dass man gleichzeitig vielen anderen Menschen half und Hoffnung schenkte. Somit brachte Widerstand auch Zusammenhalt in den Zeiten des Grauens und der Zerrissenheit. Selbst Menschen und Menschengruppen, welche sich im Alltag eher aus dem Weg gehen würden arbeiteten zusammen um ihre Leben zu retten.

Bilder und Dokumente:

Beschreibung:

Lageplan des KL Lublin, welcher zur Orientierung diente und bei der Planung von Widerstandsaktionen helfen sollte. 

Übersetzung:

Dokument 97 

Januar 1944 

Widerstandskämpfer an die Heimatarmee 

Auf das dritte Feld kam im Sommer der Gryto Marcin aus Zakrzowek. Er war ein Ladenbesitzer. Er hatte verschiedene politische Ansichten und sich in den Jahren 1928 und 1936 an der Agitation bereichert. Die Polizei hat ihn beobachtet, aber sie fürchtete sich vor ihm. Vor dem Tod von (Name fehlt) hat er die Front/Ansichten gewechselt. Er war bei einer Kampfgruppe, die für die Freiheit und Eigenständigkeit Polens war, (namens) Peowiacy. Ihm wurde vorgeworfen, dass er kommunistische Ansichten vertrat. Ihm wurden, in seinem Dorf, die Kontakte zu Deutschen vorgeworfen und er sitzt in Majdanek ohne eine Häftlingskleidung, sondern in seiner Zivilkleidung. Und manchmal kann seine Frau ihn in der Kanzlei (wo SS Männer sich aufhielten und Registrierung und Buchführung stattfanden) treffen oder sie konnte persönlich etwas an ihn über den Stacheldraht weiterreichen.  

Seine Frau hat damit angegeben, dass seine Freunde gesagt hätten, dass je eher man Ansehen bei den Deutschen erlangt, desto besser wird man behandelt. Er braucht keine Pakete, aber sie schickt ihm welche. Seine Nummer ist die 7803. Warne unsre vor ihm (inhaftierte Widerstandskämpfer) und man sollte ihn Gryta beobachten. 

ABSENDER UNBEKANNT

Quellenverzeichnis

Anna Wiśniewska und Czesław Rajca: Majdanek. Das Lubliner Konzentrationslager, Lublin 2002  n