„… ein gleicher Mensch wie ich“

Diese Worte, die eine polnische Überlebende des KL Lublin mit Blick auf die Ermordung
ihrer jüdischen Mitgefangenen äußerte, bilden das Motto der diesjährigen Ausstellung
des Leistungskurses Geschichte der Q1 des Öffentlich-Stiftischen Gymnasiums
Bethel in der Synagoge Bielefeld.

Dabei ist unser Blick auf zwei Aspekte gerichtet:
Die Auseinandersetzung mit individuellen Perspektiven der Opfer des nationalsozialistischen
Völkermordes bildet nicht nur die Basis für historisches Lernen, sondern ermöglicht
kognitive Empathie, die uns Nachgeborene – wenn auch nur ansatzweise – erkennen
lässt, wie ein anderer Mensch fühlt. Der ausgegrenzte, gedemütigte, physisch und
psychisch gefolterte, im Lager de-individualisierte Mensch ist „ein gleicher Mensch wie
ich“.
Empathie mit den Opfern ist das eine. Das andere ist die Erkenntnis, die sich aus dem
Studium biographischer Quellen von Täterinnen und Tätern der Shoa speist: Auch sie
waren „ein gleicher Mensch wie ich“: Menschen mit und ohne humanistische Bildung,
mit ökonomischen Interessen, auf der Suche nach beruflicher Bestätigung, mit Karriere-
Ambitionen, einem Privatleben, Freunden und Kindern, ja, einem normativen Wertesystem,
das vorwiegend in einer Zeit des Friedens aufgebaut worden ist. Die Auseinandersetzung
mit Täterbiographien beunruhigt, weil sie uns die Zuversicht nimmt, als
Nachgeborene davor sicher zu sein, „Un“menschen zu werden.


Die Untersuchung der verschiedenen sozialen und situativen Handlungskontexte und
Handlungsoptionen, in denen Zugehörige der Tätergemeinschaft und Ausgegrenzte lebten,
ist essentiell für unsere Gegenwart. Sie hat uns gezeigt, wie schnell sich eine als modern
verstandene Gesellschaft des „christlich-abendländischen“ Kulturkreises in eine
Ausgrenzungsgemeinschaft verwandeln kann.


Auf unserer Arbeit in den Gedenkstätten Auschwitz, Birkenau und Lublin-Majdanek sowie
Gesprächen mit Zeitzeugen und Museumspädagogen basieren die Gedanken und
Arbeitsergebnisse dieser Ausstellung, die sowohl hier in der Synagoge als auch – in Langform – im Internet nachlesbar sind.

Wir freuen uns, dass zu unserer Ausstellungseröffnung so viele Menschen gekommen sind und interessiert zugehört haben.

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