Und die Reiseleitung?

Seit fast sechs Tagen sind wir miteinander unterwegs, und es ist eine in vielerlei Hinsicht gute Zeit.

Zunächst und für mich fundamental: Das Gruppenklima ist geprägt von wechselseitiger Aufmerksamkeit, Gelassenheit, Fokussierung auf die Ziele des Aufenthalts und – ganz zentral – Spaß, ein Punkt, der auch im Vorfeld als Wunsch an diese Zeit angesprochen wurde. Selten war ich mit einer Gruppe unterwegs, in der ich hinreichend Zeit hatte, eine hinreichende Anzahl an Stunden zu schlafen, zu essen und nebenbei Klausuren zu korrigieren.

Zum vierten Mal bin ich jetzt hier in Polen, und kurz vor dem Warschauer Hauptbahnhof – bei Klärung der letzten Details (wo kommen wir an, wo wechseln wir Geld, wo essen wir?) mit Mateusz, der uns auf dieser Fahrt begleitet, dachte ich: Es ist, als würde ich nach Hause fahren. Nun ist Polen nicht mein Zuhause, aber, wenn Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl ist, ein Stück weit Heimat geworden. Das, womit ich mich von Jahr zu Jahr mehr anfreunden kann, ist (außer dem Käsekuchen und den Pierogi) die Gelassenheit, wenn nicht alle Dinge nach Plan und minutengenau umgesetzt werden können, letztendlich aber am Ende des Tages alle Ziele erreicht sind, die wir erreichen wollten. (Warum Zimmerbelegungslisten erstellen, wenn die strenge Rezeptionistin uns alle neu zusammenwürfelt und am Ende doch alle glücklich in ihren Betten liegen?)

Für Planungsfetischisten wie mich ist das ein Lernprozess.

Die Tage sind dicht gefüllt und bieten trotzdem Raum für gute Gespräche über die Notwendigkeit eines ethischen Rahmens von Erinnern, die Frage, wer eigentlich Erbe der immer weniger werdenden Zeitzeugen wird (die Antwort des Kurses: „Auch dafür sind wir hier“), unseren Emotionen an den Orten der Massenvernichtung, der Notwendigkeit, die Verbrechen auszubuchstabieren statt nur vom „Unfassbaren“ zu sprechen, die Orte mit den Füßen zu durchmessen, weil sich an der „Topografie des Terrors“ anders lernen lässt als mit einem Quellenkonvolut in Bielefeld, über Rammstein-Videos und die Wut, die uns befällt, wenn wir von Menschen hören, die 2019 wieder Schlussstriche unter diesen Teil der deutschen Geschichte ziehen möchten.

Vier Tage liegen noch vor uns, drei davon in Krakau, einer in Warschau, und ich wünsche mir, dass diese Tage ebenso gute werden wie die, die hinter uns liegen.

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