Freitag, der 29. März 2019:

Der Tag begann heute etwas früher als sonst, da wir uns von Lublin verabschieden mussten, um unsere Projektkursfahrt in Auschwitz und Auschwitz-Birkenau fortzusetzen. Also haben wir uns (fast) alle daran gemacht zu frühstücken, damit wir für die kommende fünfstündige Fahrt nach Krakau gestärkt sind. Nach ein paar Stunden haben wir trotzdem nochmal Halt gemacht um etwas zu essen, da bis spät am Abend nicht die Möglichkeit bestünde, noch etwas zu essen. Also haben wir uns alle bei einem McDonalds an einer Tankstelle kurz vor Krakau nochmal den Bauch mit ungesundem, aber leider trotzdem leckeren Fastfood vollgeschlagen!

Gegen 14:30 kamen wir dann an unserem ersten Ziel an: Dem Stammlager Auschwitz I

Wir gingen durch die sehr strikten Kontrollen, bekamen Kopfhörer und begannen mit unserem Guide den Rundgang durch die Gedenkstätte oder eher das Museum Auschwitz I.

Das Stammlager Auschwitz unterscheidet sich sehr von Majdanek. Die Blöcke hier sind keine Holzbaracken, sondern fast schon adrette, aus Stein gemauerte Häuser, da es sich bei diesem Ort, bevor es zu einem KZ wurde, um eine Kaserne handelte.

Unsere Führung an diesem Ort bestand zu einem großen Teil daraus, dass man durch verschiedene Blöcke gegangen ist und sich dort die Ausstellungsfläche anschaute. Dort gab es viele Fotografien, aber auch Bilder, die Überlebende nach ihrer Befreiung malten.

Sehr einprägsam waren für mich die Dinge, die von den Häftlingen nach ihrer Ermordung „übrig geblieben“ sind. Dazu gehören Besteck, Brillen, Hygiene-Utensilien, aber auch Schuhe und Haare. Tonnenweise echte Haare. Das war wirklich extrem. Zu sehen, welche Menge an Haaren, und welche noch viel größere Menge an Schuhen dort ausgestellt waren, hat mich emotional umgehauen. Ein ganzer Raum, ein nicht einmal wirklich kleiner Raum, voll mit Schuhen. Man ging durch ihn hindurch, und zu beiden Seiten befanden sich unzählig viele verschiedene Schuhe. Schuhe, die damals von Häftlingen getragen wurden. Da hatte ich schon einen Kloß im Hals.

Während des Rundgangs habe ich mich einmal ausgeklinkt und bin schon vorausgegangen, da mir die Führung einfach zu viel geworden ist. Also ging ich nach draußen. Ich habe den Audioguide abgestellt, mir das umliegende Gelände angeschaut und Fotos geschossen.

Ich kam mir vor wie in einem Dorf, vielleicht sogar einer kleinen Stadt der Folter, des Todes, der Qualen, des Leidens.

Und mir fiel noch etwas anderes auf. Während ich noch in dem Block war und mir die Ausstellung anschaute, dachte ich ständig, dass sich das aber ganz schön viele Leute anschauen.

Aber: wenn das schon viele Menschen für mich waren, was hätte ich gesagt, wenn ich gesehen hätte, wie viele Leute dort gewesen sind, als das Lager in Betrieb war, „gelebt“ bzw. „gewohnt“ haben und gestorben sind. Die Menge der Leute, die sich diese Ausstellung angeschaut haben war nur winzig kleiner Bruchteil davon.

Zum Ende des Rundgangs sind Herr Hackmann und ich noch ein zweites Mal zu dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ gegangen, den wohl jeder kennt.

Es war relativ leer, und Herr Hackmann meinte deswegen, dass ich das jetzt vielleicht für ein Foto nutzen könne.

Also sind wir kurz dorthin gegangen und eine kleine Gruppe von vier Frauen stand vor diesem Schild. Ihre Blicke waren von dem Schild weggerichtet und sie alle standen relativ nah aneinander, als eine von ihnen plötzlich das Handy nach oben hält und ein Selfie machte. Ich weiß nicht, was es war, Wut, Scham, Unverständnis, oder vielleicht sogar alles drei, jedenfalls war es einfach nur unglaublich abstoßend zu sehen, dass Menschen an einem Ort mit solch einer Geschichte Fotos von sich machen, dabei noch lachen und es später wahrscheinlich noch auf Social Media mit den unpassendsten Hashtags posten.

Trotzdem machte ich kurz zwei Fotos, ging dann wieder in Richtung der Gruppe, zum Ausgang der Gedenkstätte. Dort angekommen erzählte mir Herr Hackmann, dass Schriftzug dort nicht mehr das Original, sondern ein neues, repliziertes. Grund dafür ist nicht, dass das Original zu beschädigt war, sondern, dass ein schwedischer Neonazi diesen Schriftzug klauen wollte (oder Leute beauftragte, ihn für sich zu klauen), um ihn in sein Haus zu hängen.

Ich kann nicht fassen, dass es solche Menschen heutzutage immer noch gibt.

Da wir am Ende des Rundganges angekommen waren, begaben wir uns also wieder in den Bus und fuhren weiter in Richtung Auschwitz-Birkenau. Und dieses Gelände war wieder etwas komplett anderes.

Dieses Gelände war so unfassbar riesig, dass man selbst vom Wachturm am Eingang des Geländes das Ende nicht sehen konnte. Ich war überwältigt von der Größe, aber nicht positiv überwältigt. Ich wusste, dass Birkenau groß ist, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass das Lager SO groß ist.

Wir gingen zunächst zur Rampe, wo ein Waggon stand, mit dem die Häftlinge in das Lager transportiert wurden. Keine Fenster und nur wirklich kleine Löcher für Sauerstoff. Und in diesen winzigen Waggons waren mindestens 50 Leute, teilweise sogar tagelang.

Die Häftlinge kamen also sehr erschöpft an mit der Erwartung, sich ein neues Leben aufzubauen oder zumindest weiterzuleben, im Lager an. Der Gedanke daran, dass sie dachten, dass ihnen etwas Positives widerfahren würde, macht das noch tragischer.

Wir gingen von da aus symbolisch den Weg derer, die nach dem Selektionsverfahren zum Tode verurteilt wurden, in Richtung von zweier Ruinen, die Krematorien waren. Dort befindet sich auch ein Mahnmal, mit 23 Tafeln auf dem Boden. 23 Tafeln — für jede Sprache, die in Auschwitz gesprochen wurde. Alleine daran kann man erkennen, wie unterschiedlich die Häftlingsgruppen waren.

Wir gingen an einem Krematorium vorbei, es war jedoch nicht mehr viel davon zu erkennen. Wir gingen dann weiter zu einer Baracke, in der Kinder gelebt haben. Der Platz darin war so gering und die „Betten“ waren wirklich winzig. Nicht viel später war unser Rundgang vorbei. Wir verabschiedeten uns von unserem Guide und machten uns auf dem Weg zum Bus, in dem ich mich befinde, während ich dies hier schreibe.

Der Tag war lang und sehr anstrengend, aber es ist trotzdem gut, an diesen Orten gewesen zu sein.

Trotzdem freue ich mich, gleich etwas Warmes zu essen und schlafen zu gehen!

-Noah

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s